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Solange ich denken kann, konnte ich jemanden unter dieser Nummer erreichen. Jemanden, der immer für mich da war. Egal, was war und selbst wenn ich mal so richtig Mist gebaut habe, war am anderen Ende der Leitung jemand, der mir einen guten Rat gab. Rat, der mir stets weiterhalf oder den Schubser gab, die richtige Entscheidung selbst zu treffen. Seit einigen Tagen ist das andere Ende der Leitung für mich unerreichbar geworden.

In deinem Leben hast du so manche Hürde nehmen müssen, doch all diese Umstände hast du mit Humor und Optimismus gemeistert. Dabei hast du stets würdevoll agiert und meinen Geschwistern und mir das Handwerkszeug für dieses verrückte Abenteuer namens Leben vermittelt. Bescheidenheit war deine Tugend, auf großem Fuß leben hieß für dich Schuhgröße 46. Und in all dieser von dir gelebten Bescheidenheit warst du stets ein Großer, ein Vorbild.

Ich würde alles dafür geben, nochmal einen deiner albernen oder auch bitterbösen Witze zu hören. Oder eine Anekdote aus deinem Leben, gleich ob ich sie schon mal gehört hätte. Oder einfach mit dir über Dieses oder Jenes zu plaudern. Zu jeglichem Thema konntest du etwas beitragen, stete Neugier war dein Begleiter. Das kombiniert mit dem Blick für Kleinigkeiten machte dich zu einem sehr aufmerksamen Beobachter in einer Welt voller Lautsprecher und Wichtigtuer. Dabei warst du nicht still, nur hatte dein Wort mehr Gewicht, weil du eben die Dinge beim Namen nanntest.

Familie bedeutete dir alles, für uns hast du alles in deiner Macht stehende getan, wenn es erforderlich war. Besonders glückliche Stunden waren es für dich, wenn wir alle zusammen kamen. Dabei warst du als Oberhaupt natürlich der Mittelpunkt, diese Rolle lag dir sehr und du hast sie auch genau so gern ausgefüllt. Aber eben in deiner bescheidenen und liebevollen Art. Besondere Freude hattest du, wenn der Clan wieder mal größer wurde. Jedes neue Familienmitglied hast du gleich ins Herz geschlossen und genau so zahlten sie es dir emotional zurück.

Vor dem Tag, an dem du nicht mehr da sein wirst, hatte ich mein Leben lang Angst. Krankheiten und Gebrechen mehrten sich und ein ums andere Mal rappeltest du dich wieder auf und verwiest darauf, dass das ja nicht so schlimm sei und Unkraut eben nicht vergehe. Das Kind in mir atmete auf und hoffte darauf, dass wir in aller Ewigkeit noch zusammen sein werden. Doch dieses Jahr mehrten sich die gesundheitlichen Probleme und schließlich hatte dich der Krebs in seine Hände bekommen. Dir war klar, dass deine Zeit nun sehr endlich sein würde und hast dabei uns alle getröstet. Dein Optimismus und die Tatsache, dass du in dir ruhst und das Schicksal annahmst, ist und bleibt bemerkenswert und nahm mir gleichzeitig etwas von der Angst vor dem Tag X.

Seit Dienstag Abend ist nun Realität, was ich niemals wollte. Und doch weiß ich, dass es für dich nur Qual gewesen wäre, wenn du hättest weiter gegen die Krankheit hättest kämpfen müssen. Deine Seele mag nun für uns unerreichbar verzogen sein, doch dein Werk bleibt. Für mich wird es nun Aufgabe sein, deine Werte und das, was du mich einst lehrtest, weiter zu bewahren. Ein besserer Mensch, Partner, Vater, Bruder und Onkel für meine Familie zu sein und dabei dankbarer für die kleinen Dinge zu sein sowie den Lauf der Dinge zu nehmen, wie er ist und das Beste daraus zu machen.

Wir werden uns wieder sehen. Bis dahin wünsche ich dir eine gute Zeit und die bequemste Wolke. Danke für alles, Papa!

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